Der Zug fährt – Malerei und Videoprojektion

TEXTE ZUM WERK

zurück zur Übersicht

Zur Eröffnung der Ausstellung am 1. Dezember 2006

Wer den Raum betritt, wird sich über den Titel der Ausstellung wundern: Der Zug fährt. Man sieht, von Farben belebte Rechtecke, von Zügen keine Spur. Erst das Video mit dem Titel Zweie, dessen Projektion im letzten Raum läuft, greift das Motiv der Bahnreise auf.

Dem aufmerksamen Betrachter der gemalten Bilder wird auffallen, dass die Lebhaftigkeit der Farben mit dem normativen Anspruch der Rechtecke, Quadrate und Raster kontrastiert. – Auf dieses Spannungsverhältnis kommt es an: die Polarität von Starre und Bewegung hat in dem bildnerischen Denken von Maryam Motallebzadeh – vermittelt durch sehr persönliche Erfahrungen und Assoziationen – Bezüge zur Eisenbahn.

LEBENSREISE

Der Zug / die Eisenbahnreise hat sich als metaphorische Begrifflichkeit tief in unsere Sprache eingeprägt: – „der Zug der Zeit“ – „der Zug der Gefangenen, der Zug der Demonstranten“ – „die Weichen stellen“ – „ausrangieren“ oder „mit großem Bahnhof empfangen“; – „der Zug ist für mich abgefahren“ – „auf den falschen Zug aufspringen“ – „im falschen Zug sitzen“ – und wenn gar nichts mehr geht: „Bahnhof verstehen“.

Viele der alltagssprachlichen Wendungen berühren das Thema der Lebensreise – das kollektive Verkehrsmittel Eisenbahn bietet sich als Metapher für das Leben an. Unser persönliches Segment im Zug der Geschichte ist das Abteil. Die unterschwelligen, gleichförmigen Fahrgeräusche sind wie das in natürlichen, organischen Rhythmen pulsierende Fließen der Zeit. In diesem Takt strömt die Welt in unerreichbarer Fülle am Fenster vorbei. Das Abteilfenster begrenzt das Gesichtsfeld: sein Carre eignet sich zum summarischen Symbol jener materiellen und ideellen Raster, die das Leben strukturieren. Nur jenseits des Rasters – wie jenseits des Fensters – ist wirkliche Lebendigkeit.

Migration kompliziert die Lebensreise: man steigt um in einen anderen Zug. Die „Mitreisenden“ und ihre Lebensweise sind fremd. Das neue Abteilfenster ist ein neuer Rahmen für neue Blicke auf eine fremde Kultur-Landschaft. Jenseits des Fensters liegt die Möglichkeit einer erweiterten kulturellen Identität. Jetzt gilt es, am Abteilfenster einen Moment innezuhalten, sich dem Puls der Lebensreise zu überlassen, einen Moment nichts als Leben zu spüren: Bleib still.

Der Zug fährt, mach deine Augen zu und atme mit mir. Diesen Satz schrieb Maryam auf das Fenster, das in dem Video Zweie ein Abteilfenster vertritt.

Das Abteilfenster in seiner metaphorischen Bedeutung einer Schnittstelle zwischen Enge und Weite, Beschränkung und Freiheit, eigener und fremder Welt ist der Ausgangspunkt für ihre fast obsessive Arbeit mit Blöcken und Rastern:

In den Rechtecken und Quadraten spielt sie die Lebendigkeit der Farben gegen das genormte Format aus: mit wechselnder Intensität und Ausdehnung einzelner Farbtöne, mit Dissonanzen oder mit Strömen von farbigen Linien und Verlaufsspuren. Unregelmäßig gemalte Rechtecke rebellieren gegen die Regelmäßigkeit des Bildfeldes. So werden mit diversen formalen und malerischen Mitteln Momente der Spannung und des Ausgleichs zwischen ordnender Strukturierung und lebendiger Bewegung umspielt.

Bei dem Bild Blaue Regen bringt der Titel die Differenz zwischen dem Raster und Leben spendenden Wasser ins Spiel der Assoziationen. Das Bild hat für mich auch etwas von einem Abteilfenster: der Zug steht vor einem Hochhaus, es ist dunkel, auf der teilweise beleuchteten Scheibe werden Regentropfen sichtbar, die am Fenster herunterlaufen.

Ich hoffe, soweit ungefähr erfasst und vermittelt zu haben, in welchem Sinne die Metapher der Bahnreise in der künstlerischen Arbeit von Maryam Motallebzadeh bedeutsam ist. Gedanken über die Polaritäten von Leben und Tod und über das Unterwegssein zwischen den Kulturen sind jedenfalls darin aufgehoben.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema der Bewegung führte Maryam zur Arbeit mit seriellen und schließlich mit bewegten Bildern und es entstanden bisher zwei Videos:

Das Video Meine Hände handelt von der Migrationsthematik in Naturmetaphern, während der nachfolgende Film Zweie wieder mit dem Eisenbahnmotiv arbeitet – auf das ich in diesem Zusammenhang nicht noch einmal eingehe, um es nicht völlig zu zerreden. Stattdessen möchte ich Maryams Arbeit mit Schriftzeichen ansprechen, die in dem Film eine besondere Rolle spielen und die ein grundsätzlicher Aspekt ihrer künstlerischen Tätigkeit sind.

LOCKEN UND SCHRIFT

Als eine ihrer Locken, deren Ende sich zu einem Kreis schloss, einen Schatten auf Papier warf, zog Maryam die Linien nach, schnitt sie ab und ergänzte sie mit einem Punkt zu dem persischen Zeichen für das Wort „wohin“. So begegneten sich auf dem Papier, in der Formanalogie von Schrift und Locke, die Sprache und das biologische Merkmal der dunklen, extrem und gleichmäßig gekräuselten Haare, womit sich gleichsam die Identität zwischen dem Individuum und seiner uralten Kultur bestätigt – gemeinsam fragen sie: „Wohin?“

So kam die Schrift aus dem Kopf auf das Papier, in die Bilder und besetzte nicht nur im Video, sondern auch an anderen Orten als Installation ganze Räume. Die Schriftzeichen wurden für Maryam zu einem zwischen Bedeutung und Abstraktion mäandernden Bildmotiv, in dem sich die Fragen nach dem Woher und dem Wohin der Lebensreise durchdringen.

Die Linien und Punkte der persischen Schrift wurden allmählich – mit Stift und Pinsel – zu lebendigen und offenen, weil frei sich bewegenden Spuren kultureller Identität. Wo sie sich in der Malerei mit der universalen Sprache der Farben verbinden, werden sie interkulturell lesbar. In den großformatigen, auf Papier gemalten Bildern, die Maryam Notwendige Briefe nannte, sind von den Schriftzeichen des Farsi nur die lockigen Schwünge erhalten, mit denen sich im Winterbrief die Gestik der Schreibenden durch frostige Kälte windet. Die Kälte – reale oder metaphorische – evozieren die Farben, unter die sich, je nach Standort, ein verheißungsvolles, silbriges Schimmern mischt.

Regina Gramse
(Kunsthistorikerin)