Galerie Herold

TEXTE ZUM WERK

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Ausstellung 1.12. – 21.12.2006
Maryam Motallebzadeh Malerei und Videoprojektion “Der Zug fährt“

„Der Zug fährt“ ist der Titel einer Serie von Bildern, in denen Reihungen von dunklen Rechtecken in vielschichtige Farbfelder eintauchen, die fein strukturiert sind. Die Tiefe des Farbraums und die unscharfen Konturen der Formen zeigen mögliche „ Ordnungs-Systeme“ die in Bewegung sind und eine hierarchische Erstarrung verweigern. Die Betonung von Horizontale und Vertikale und starke Farbkontraste verleihen den Bildern eine große Präsenz.

Über diese Formfindung sagt die persische Künstlerin: sie gehe unter anderem auf die Erinnerung an eine lange, kalte Zugfahrt zurück. Durch das beschlagene, halb durchsichtige Fenster sah sie die Landschaft und Städte mit Ihren Baumgruppen, Hausfassaden und Masten vorbeiziehen. Die unterschiedlichen Formen wurden durch die horizontale Bewegung des Fahrens vereinheitlich und ergaben dem Eindruck von „ Blöcken in Bewegung“.

Der Zugfahrt im Raum verbindet sich mit der Vorstellung der Zeit, der eigenen Lebensreise, die auch immer neu geordnet werden muss. Abstrakte Formen und auch die Farbräume sind assoziative aufgeladen, ohne sich als eindeutige Behauptung aufzudrängen.

Die Kalligrafie des Farsi ist eine weitere lebendige Quelle für die in Bremen lebende Künstlerin. Mit breiten Spachteln und Pinseln setz sie einzelne Worte: „ Ich, Du, Wohin, Nein“ auf große Papierbahnen, teils durch nur als Fragmentarischen Ausschnitt, dies betont den Charakter der gestischen Zeichnung. Die grafischen Elemente der iranischen Schrift sind die kreisende Linie und der Punkt.

Auf diesem Hintergrund und der Erfahrung abstrakter Gestaltung der westlichen Moderne (Paul Klee), entwickelt Maryam Motallebzadeh eine Bildwelt, in das Inhaltliche der Sprache und Zeichen von der Suche nach visueller Balance überlagert wird.

Auch die Schatten eigenen Locken können zum auslösendem Moment des Schreibflusses werden, so in der Serie von „Notwendigen Briefen“.

Das Motiv der Bewegung im Bild weist voraus auf die aktuelle Arbeit mit dem Medium Video. Der Kurzfilm „Zweie“ kontrastiert Felsen und Wellen, des Kampf der Naturgewalten, mit Rolltreppen, Gleisen und der Zugfahrt in eine andere Welt, in einen Übergangsraum, gekennzeichnet durch reduzierte Möblierung: Bett, Koffer, Waschbecken, Spiegel. Diesen Raum Strukturiert die Reisende in einem Prozess der Selbstvergewisserung.

Vielzeilige raumhohe Papierbahnen, meist in Farsi, teils in Deutsch beschrieben, bedecken allmählich alle Wände. Der innere Dialog breitet sich weiter aus über Kleider, Schuhe und Bettdecke, über der eine schwarze Kugel schwebt, weiß beschriftet, Persisch und Deutsch.

Eine Moschee in Teheran wird sichtbare Erinnerung. Das Zoom auf die Fenster zeigt eine Bremer Bahnhofs Situation, darüber eingeschrieben. Ein Zitat der Künstlerin „ Bleib Still, der Zug fährt, mach Deine Augen zu und atme mit mir“. Die Reisende geht, den Koffer in der Hand, an den Gleisen entlang. Der Transitraum der Ankunft in einer anderen Welt, macht die Ambivalenz des Eigenen und Fremden erfahrbar.

Uwe Teichmann