Kunst an der Schlachte

TEXTE ZUM WERK

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16. November 2006 bis 16. Februar 2007
Der schweigende Mantel

„Unsere Kleider dokumentieren unser Befinden“, sagt die Künstlerin, „sie zeigen, wie wir uns bewegen, gehen oder sitzen, lassen deutlich werden, wie wir uns fühlen.“ Sie verweisen auf unseren Geschmack. Roland Barthes hat von der Sprache der Kleider gesprochen, einer Grammatik der Bekleidung und Mode. Die Fülle dieser Sprache begegnet uns dort, wo wir Menschen treffen, hier wie in allen Ländern dieser Erde, gestern wie morgen.

Der Mantel schweigt. Das ist seine Sprache. Alle Mäntel schweigen. Doch sein Schweigen ist ein besonderes Schweigen. Es ist das Schweigen der verordneten Verstummung, ein uniformiertes Schweigen. In ihm stecken verletzende Splitter. Sie reflektieren Ausstellung und Betrachter.

Auf den Wänden die Last der Gedanken. Kaskaden an Schriftzeichen zieren die Zeichnungen der Künstlerin, das zarte Papier von groben Filzschreibern durchtränkt, verletzt, tätowiert. Die einsamen Verbindungen des von kultureller Differenz geprägten Seelenlebens werden sichtbar. In persischer Schrift, in kleinen symbolischen Skizzen oder auch in den lateinischen Buchstaben der fremden Sprache enthüllen sich Momente des Verstummens. Man könne verstehen, sagt die Künstlerin; aber man müsse sich um Verständnis bemühen. Die Betrachtenden werden auf sich selbst verwiesen. Verstehen wird zum Erlebnis, gerade dort, wo selbst neue Schriften entstehen, neue Verständigungsformen.

Bezogen auf die assoziativ und strukturell „erfundenen“ Schriftzüge gewinnen die am Rande des Environments zu betrachtenden Gemälde an Bedeutung. Sie spiegeln per se interkulturelle Differenz und Dialogbereitschaft. Zugleich der westlichen Kunstrichtung des Tachismus verbunden, integrieren sie unabdingbar die Elemente der Tradition, in der sie entstanden sind.

Das Informell, das nichtformale Betrachten des Verhältnisses von Bewegung und Gegenbewegung ist wichtiger Schwerpunkte der künstlerischen Tätigkeit von Maryam Motallebzadeh. Sie hat ihre Arbeit als Bildende Künstlerin in Teheran begonnen, erhielt als Drei-zehnjährige den Kunstpreis „Hadaf“ für Malerei und hatte seit 1979 verschiedene Ausstellungen in Teheran, darunter unter anderen auf der Biennale für Malerei im dortigen Museum für zeitgenössische Kunst oder auch Einzelausstellungen in verschiedenen Galerien. Sie war im Folgenden an internationalen Kunstausstellungen beteiligt, in Thailand, Norwegen und auch in Deutschland. Im Jahr 2002 trat sie als Angehörige der Hochschule für Künste in Bremen mit ersten Audioinstallationen (das John-Cage-Projekt „Sprechender Baum“) und Performances an die Öffentlichkeit. Es folgten Projektausstellungen mit internationaler Künstlerbeteiligung, z.B. „Woanders“  in der Villa Ichon. Erfolgreiche Videoproduktionen wie „Meine Hände“ und „Zweie“ und schließlich Entwürfe und Realisierungen für Rauminstallationen (Internationales Symposium, 2005) charakterisieren gegenwärtige Entwicklungen.

Reiner Matzker