Überschrift 2.1.12

TEXTE ZUM WERK

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Das Multi-Media-Zeitalter hat alles vernetzt, alles erreichbar und die Welt zum Dorf gemacht. Aber es hat auch dazu geführt, dass der Mensch mehr und mehr das Sehen verlernt. Das ist die Überzeugung von Maryam Motallebzadeh. Die persische Künstlerin lebt seit 1999 in Bremen. Mit einem neuen Projekt will sie helfen, das Sehen wieder zu erlernen, auch natürliche Dinge neu wahrzunehmen und frei zu assoziieren.

„Die Dinge sind vorhanden. Aber viele Menschen erkennen sie nicht. Dabei braucht man nur etwas Aufmerksamkeit. Wer sich bemüht, zu  sehen, der findet auch“, sagt Maryam Motallebzadeh. Ihr neues Projekt trägt den Titel „Ein Stück Holz. Zwischen Natur und Skulptur“ und birgt auch einen Teil Persönlichkeit der Künstlerin, die in Teheran mit 13 Jahren zu malen begann. Der Grundstein für ihre Holzobjekte wurde bei einer Reise mit Freunden ans Kaspische Meer gelegt. Beim Lagerfeuer am Strand wurde Maryam Motallebzadeh auf die interessanten Formen der Treibholz-Stücke aufmerksam. Sie begann, einzelne Teile zu sammeln und künstlerisch zu bearbeiten. „Damals habe ich sehr viel figurativ gezeichnet und gemalt“, erinnert sich die Perserin.

An ihren Erkenntnissen vom Kaspischen Meer will sie jetzt die Bremer teilhaben lassen. Im Rahmen der Volkshochschule bietet Maryam Motallebzadeh Interessierten Exkursionen an, um Fundstücke in der Natur aufzuspüren, Treibholz, interessant geformte Wurzeln oder trockene Äste, aus denen in einem weiteren Schritt Skulpturen entstehen können. Eine wichtige Rolle spielt dabei die individuelle Annäherung an den noch nicht künstlerisch bearbeiteten Gegenstand. Teilnehmern, sollen unbekannte ästhetische Deutungen bewusst werden. Zeichnungen sollen Assoziationen vertiefen. Nach dieser „Vorarbeit“ entstehen die Holzfiguren. Gearbeitet wird in der Landschaft und im Atelier. Die Teilnehmer tauschen sich gegenseitig über ihre Erlebnisse aus. Schließlich sollen die Objekte und Skulpturen in einer Ausstellung präsentiert werden, deren Thema auch die Ideen und Prozesse sein werden.

„Kinder wachsen heute mit dem Computer auf. Sie beherrschen die neuen Medien perfekt. Aber nicht selten ist die Folge der Mediengesellschaft Isolation. Die globale Kommunikation hat nicht nur Nähe, sondern auch Distanz geschaffen,“ sagt Maryam Motallebzadeh. Mit „Ein Stück Holz. Zwischen Natur und Skulptur“ will sie einen Schritt gegen die Reizüberflutung durch das Multi-Media-Überangebot tun. Die Perserin ist davon überzeugt, dass eine Person, die ihr Sehen schult, auch findet. Als nächster Schritt folgt das Nachdenken. Und dann im Idealfall Reflexion und Selbst-Finden durch künstlerische Beschäftigung.

Maryam Motallebzadeh, hat in Bremen Kunst studiert. Ihre Bilder, Installationen und Kurzfilme sind auf zahlreichen nationalen und internationalen  Ausstellungen gezeigt worden, unter anderem in Bremen, Teheran, Bangkok, Stavanger und Barcelona.

Die Künstlerin hat früher in ihrer Galerie im Iran und später im Bremer Atelier privat Interessenten in Malerei unterrichtet. Jetzt wendet sie sich unter dem Dach der Volkshochschule mit dem Projekt „Ein Stück Holz. Zwischen Natur und Skulptur“ erstmals an die allgemeine Öffentlichkeit.

Klaus Alschner
(Journalist)