Überschrift 2.1.10

TEXTE ZUM WERK

zurück zur Übersicht

In den Arbeiten von Maryam Motallebzadeh geht es um Fläche und Abstraktion, in der Thematisierung der persischen Schrift um ihre kulturellen Wurzeln, um Bindungen an die iranische Heimat. Auf manchmal sehr großformatige, durch mehrere Farbschichten fein abgestimmte und tiefgründige Farbfelder „schreibt“ sie mit breitem Pinsel persische Schriftzeichen, philosophische Elementarbegriffe wie „Ich“, „Du“, „Wahrheit“, „Gott“, „Nichts“ oder die Frage „Wohin“. Farsi bedeutet für Maryam Motallebzadeh kulturelle Identität und die kalligraphische Schönheit dieser Schrift bleibt für sie ein unerschöpflich reizvolles Motiv. Doch gleichzeitig drängt es sie auch zur Befreiung aus dem Normativen der Schriftzeichen. Diese Befreiung ergab sich wie von selbst, denn die Hauptbestandteile des Farsi sind wie im Arabischen der Punkt und die geschwungene Linie, und um das Verhältnis von „Punkt und Linie zu Fläche“ (Kandinsky, 1926) kreist das „Bildnerische Denken“ (Klee) in der abstrakten graphischen Kunst. So entließ Maryam Motallebzadeh z.B. das aus einer geschwungenen Linie und einem Punkt bestehende Wort „Ich“ aus seiner Zeichenhaftigkeit in ein Farbfeld, in dem es sich als Horizontlinie und Gestirn zur elementarsten Form der Landschaft streckte. Das gelöste, im Farbraum sich neu formierende Zeichen wird in diesem Prozess zur Metapher des sich in seinem Verhältnis zur Welt reflektierenden Ich.

In den meisten ihrer zweiteiligen Bilder liegen über den sich aufschwingenden Linien und Punkten als drückend empfundene Farbtafeln, die für Maryam Motallebzadeh die Schwere einer Lebenslast symbolisieren.

In anderen Arbeiten sind dagegen Reihen von dunklen Rechtecken über kleinteilig strukturierten Flächen, Zeichen einer Ordnung, die Maryam Motallebzadeh aus ihrer manchmal als chaotisch empfundenen Existenz anstrebt. Dabei geht es ihr natürlich nicht um Unterordnung, sondern um die Sehnsucht nach einer lebendigen Strukturierung, weshalb sie diese Bilder nicht mit Pinsel oder Spachtel, sondern mit bloßen Händen ‚malt‘.

Auch wenn das alles sehr programmatisch klingt, sind für Maryam Motallebzadeh Intuition und Zufall wichtige Elemente der Gestaltung, die z.B. im Arbeiten mit geschlossenen Augen zum Zuge kommen und in den herunterlaufenden Farbtropfen sinnfällig werden. Häufig bedeuten ihre Linien emotionale Schwingungen, ihre Farbräume emotionale Tiefe und auch Strukturen können Gefühle ausdrücken, wie in jenem zweiteiligen Bild, das nach einer kalten Zugfahrt entstand. Der Kälte spürt sie in der mit den Händen aufgetragenen Farbe nach, deren Ton und Struktur den Eindruck von Raureif hervorrufen, während die kleinere, grünliche Farbtafel das im Abteilfenster verwischte Bild der Landschaft erinnert.

Zusammenfassend kann man die Malerei von Maryam Motallebzadeh beschreiben als eine sehr eigenständige Position zwischen Kalligraphie und abstrakter Zeichnung, in der im Umspielen der Grenzen zwischen Zeichen und freier Form, zwischen Konzeption und emotionaler Geste, über das formale Experiment hinaus, ein zurückhaltendes Ich sich in seinem Verhältnis zur Welt befragt.

Regina Gramse, im Oktober 2003
(Kunsthistorikerin)