Ausstellung (Inja va Anja) Hier und Da

TEXTE ZUM WERK

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In der Galerie 149 Bremerhaven – 2.Oktober 2010

Begegnen heißt sich austauschen, dazulernen, sich für etwas Neues öffnen und sich darauf einlassen. Dieses offene Begegnen ist ein wichtiger Bestandteil in den Arbeiten von Maryam Motallebzadeh auch in ihrer neuen Installation in Bremerhaven verbindet sich Neues mit bereits Erfahrenem.

Geboren ist Maryam Motallebzadeh im Iran, im Alter von 39 Jahren kam sie mit ihrer Kunst nach Deutschland, genau genommen nach Bremen. In Bremen studierte sie an der Kunst Hochschule, arbeite weiter als Künstlerin und organisierte auch Projekte mit anderen Künstlern, die zum Teil in Aktionen im öffentlichen Raum endeten. Das Material folgt bei ihr immer auf die Idee, so entstehen Werke auf unterschiedlichsten Arten. Mal macht sie Videos, mal organisiert sie eine Performance, mal malt sie oder ein anderes Mal lässt sie eine große Installation entstehen die beinahe den ganzen Raum einnimmt.

Als Maryam Motallebzadeh nach Bremen kam, wechselte sie nicht nur ihr Land, sie ließ sich ein auf ein Leben in einem neuen Land, eben auf eine neue Kultur. Sicher war dies eine anstrengende Umstellung in ihrer Lebensreise, aber nicht die Einzige. Sie liebt es sich auf die neuen Herausforderungen und andere Kulturen einzustellen. Das damit verbundene Reisen ist ein wichtiges Thema und auch hier in der Galerie 149 wiederzuentdecken.

In ihrem künstlerischen Schaffen beschäftigt sie sich mit zwei aneinander festgemachten Polen, es um die Bewegung und die Gegenbewegung, es geht um Fließendes und Starres. Dabei geht es nicht um eine Wertung der beiden, denn beides bedingt sich gegenseitig. „Die Bewegung ist immer etwas das sich verändert, auf das man sich einstellen muss, die Gegenbewegung ist das Feste, an dem man sich kann orientieren“, erklärt sie. Dabei muss nicht immer alles sichtbar sein, es geht ebenso um Gefühle, Emotionen in bestimmten Momenten, in denen man selber fließt oder auch einfach mal ruhen möchte.

Maryam Motallebzadeh interessiert sich für das Neue, neues Entdecken – Kennenlernen. Bremerhaven ist für sie ebenso eine neue Erfahrung, aus der sie auch gleich wieder die ersten Inspirationen nimmt. Auch wenn sie die Seestadt schon vor dieser Ausstellung besucht hat, nimmt sie diese Ausstellung zum Anlass sich in ihrem Werk mit dem hier Erlebbaren auseinander zu setzen. Wie auch in anderen Werken in dieser Ausstellung spielen die emotionalen Erfahrungen eine wichtige Rolle.

Ein großes Boot bildet den Mittelpunkt oder eigentlich auch den Anfangspunkt der Ausstellung oder noch besser der Reise durch die Galerie. Nicht nur in der Hafenstadt Bremerhaven weiß man, dass ein Boot viel mehr ist als ein Fortbewegungsmittel oder ein Transportmittel für die schwere Fracht in entlegene Orte – das Boot steht für die Seefahrt, es bedeutet Sehnsucht nach Neuem, sich treiben lassen, Neues entdecken, sich aufmachen, aber auch wiederzukehren. So steht das Boot auch für vieles im Leben der Künstlerin, es verweist auf ihre Reisen in die fernen Länder oder ihre Lebensreise, die Sehnsüchte, das Fernweh, das Orientieren, das Entdecken.

In ihren Installationen verbindet Maryam Motallebzadeh ihre Vorliebe für die Schrift mit der Sehnsucht des Bootes. Beides fügt sich auf wunderbare Weise in einander. Die Schriftbahnen fließen in das Boot hinein und wieder heraus, wie eine Welle, die in das Boot schwappt und wieder heraus in den Raum fließt. Viele Meter Papier hat sie beschrieben, mit spontanen Ideen oder für sie bedeutenden Schlagwörtern. Wie ein Boot vom Meer, wie ein Mensch von den Eindrücken der Welt, ist das Gefährt umgeben von Schrift. Auch hier gilt: Alles ist in Bewegung, alles bleibt in Bewegung.

Deutlich wird auf den Schriftbahnen die Lebensgeschichte von Maryam Motallebzadeh. Sie schreibt nicht nur in Farsi, sondern auch auf Deutsch, sie verbindet beide Schriften miteinander, wie sich auch in ihr die beiden Kulturen verbunden haben. Sie schreibt was ihr in den Kopf kommt, „gefangene Momente sagte sie“, Gedanken die vorbeizogen hielt sie auf den dünnen Papierbahnen fest, einige Wörter daraus: Erfahren, Stille, wahrgenommen werden, Wert, Gewohnheit, Bewusst, Schicksal.

Wenn der Betrachter seinen Blick über das Boot und die Schriftwellen schweifen lässt fallen ihm Knoten auf. Diese erinnern nicht nur an die Geschwindigkeit bei Schiffen oder an die Vielzahl von Seemannsknoten oder gar Seemannsgarn – Maryam Motallebzadeh dazu: „Knoten sind ein Symbol für die Verbindung und die Vernetzung, wie auch ein Boot eine Verbindung ist von einem Ort zum anderen. Knoten sind Verbindungen, aber auch Glückbringer, wenn man sie öffnet, denkt man zum Beispiel an das Geschenkband“.

Schrift und Bänder genäht oder verknotet finden wir wieder in der Stoffarbeit an der Wand, darunter stehen rote Schuhe, die ebenfalls beschrieben sind. In dieser Arbeit wird die Schrift durch die grünen durchsichtigen Stoffe hervorgehoben und die roten Schuhe fangen ebenfalls den Blick des Betrachters ein.

Im vorderen Bereich der Ausstellung hält sie sich mit den Farben zurück, sie bilden nur einige Akzente auf den Schriftbahnen. Anders ist es wenn wir in die anderen Räume weiterreisen.

„Hier und da“ ist der Titel. Eben das ist der Inhalt vom Reisen. Mit dem Boot beginnend geht die Reise weiter in die nächsten Räume. Dort verdichten sich die Eindrücke der Reisen, die Maryam Motallebzadeh unternommen hat. Dort begegnen wir der Kälte des russischen Winters oder das warme Gefühl beim Anblick der Blumen im marokkanischen Frühling, mal ist eine leichte Feder zu entdecken, mal ein sattes Waldgrün.

Auf die Leinwand malt Maryam zunächst ein Netz. Ihre Erfahrung, ihre Reisen, ihre Begegnungen vernetzen sich zu einem Ganzen. Das Netz ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens und der Menschen, nicht nur die sozialen Netzwerk, selbst unser Körper besteht aus einem Netz von Ader sagt Sie. Das gemalte Netz oder eingearbeitete Schriftzeichen lassen sich in den Werken finden.

So begeben Sie sich auf die Reise und begegnen den Werken von Maryam Motallebzadeh.

Maren Meier
Kunstwissenschaftlerin