„Diesseits des Schleiers“

TEXTE ZUM WERK

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Zur Eröffnung der Ausstellung am 1. Dezember 2013
Galerie Brunnenhof, St. Joseph-Stift

Wer ist Maryam Motallebzadeh? Was macht sie? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn ihre künstlerischen Arbeiten sind vielschichtig und sie selbst ist eine facettenreiche Persönlichkeit.

Maryam Motallebzadeh ist
– Malerin,
– Keramikerin,
– Bildhauerin,
– Filmerin,
– Performance-Künstlerin,
– sie ist Perserin,
– sie ist auch Deutsche,
– sie ist eine Reisende – oder eine weit Gereiste,
– eine Botschafterin zwischen den Kulturen,
– und sie ist ein politischer Geist.

Geboren wurde sie im damaligen Persien, noch vor der islamischen Revolution, und bereits mit 13 Jahren gewann sie in Teheran ihren ersten Kunstpreis. Später studierte sie Malerei, arbeitete als Künstlerin und Galeristin, bis sie 1999 nach Deutschland kam. In Bremen schrieb sie sich an der Hochschule für Künste für ein zweites Studium ein und studierte bei den Professoren Peter W. Schaefer und Paco Knöller.

Bei aller Vielseitigkeit ihrer Kunst ist Maryam Motallebzadeh vielleicht doch am stärksten Malerin.Von ihren malerischen Arbeiten sind in der Galerie Brunnenhof zwei Werkkomplexe zu sehen, die „Reisebilder“ und eine Serie mit sogenannten „Block-Bildern“.

Eines der faszinierendsten Gemälde ist sicherlich die „Erinnerung an die Wolga“. Wenn wir uns dieses Bild genauer ansehen, stellen wir fest, dass es letztlich nur aus drei Elementen besteht: es sind zwei übereinander gelegte Farbflächen und eine Linie – sonst nichts. Es ist ein fast völlig abstraktes Bild aus drei Elementen, es gibt keinerlei realistische Abbildung, es ist nur eine Chiffre, aber diese Chiffre hat eine verblüffende Wirkung: indem wir diese malerischen Zeichen ansehen, entsteht in unserem Kopf ein Bild – und das ist erstaunlicherweise völlig realistisch. Man steht auf einem hohen Ufersaum, vor dem Betrachter breitet sich in dunstigem, blauen, wassergesättigten Licht der gewaltige Strom der Wolga aus. Ein so gewaltiger Fluss, dass er das gesamte Blickfeld ausfüllt, es ist alles nur eine einzige riesige, ruhig fließende Wasserfläche. Und ganz weit hinten, so weit weg, dass keinerlei Geräusch mehr zu hören ist, sieht man im trägen Strom die Spur eines Schiffes, vom Wind und der Strömung teilweise schon wieder verwischt. Der Strom ist so breit, dass das Schiff sich wie im Zeitlupentempo zu bewegen scheint, eine ganz kleine, lautlose Bewegung. Auf dem Gemälde ist kein Fluss, kein Ufer, kein Schiff, aber im Kopf des Betrachters wird ein Bild, ja geradezu ein Film erzeugt – das ist große Kunst!

Ähnlich funktionieren auch die anderen Arbeiten der „Reisebilder“. Ganz anders der Charakter der Landschaft in Namibia und hier zeigt sich, dass Maryam Motallebzadeh genauso mit Worten umzugehen weiß. Sie beschreibt an einer Stelle die Wüste von Namibia als „ein heißes Land, bewohnt von wütenden Pflanzen“. Eine großartige Komprimierung, genau wie ihre Bilder! Wenn man diesen einen Satz hört, „ein Land, bewohnt von wütenden Pflanzen“, dann begreift man, um welch eine harte, lebensfeindliche, geradezu mörderische Landschaft es sich handelt. In diesem einen Sprach-Bild hat Maryam Motallebzadeh die Quintessenz der Landschaft zusammengeballt.

Ganz in die Abstraktion gehen die „Block-Bilder“. Blöcke, Quadrate, das ist ein Thema das Maryam Motallebzadeh schon lange Zeit verfolgt, immer neu durchdenkt und variiert. Das Quadrat ist eine ausschließlich menschliche Form, in der organischen Natur kommt sie nicht vor, höchstens im kristallinen Bereich. Mit dem Quadrat, dieser perfekten Form, verbindet sich der Begriff der Ordnung. Ordnung, ein durchaus zwiespältiger Begriff. Ordnung im Gegensatz zum Chaos, dem Wirren, Verwirrenden, das ist durchaus positiv besetzt. In diesem Zusammenhang bedeutet Ordnung Innere Klarheit, Strukturiertheit, Selbstbehauptung. Wie bei fast allen Dingen im Leben kommt es aber auch hier auf das rechte Maß an, jedem ist klar, dass zu viel Ordnung auch in die Erstarrung führen kann, dann wird die Ordnung zur Zwangsjacke, welche die individuelle Entfaltung und Freiheit beengt oder unterbindet. Das ist persönlich wie gesellschaftlich-politisch so. Jede Diktatur reklamiert für sich, Vertreterin der Ordnung zu sein. Das Verhältnis von Ordnung und persönlicher Freiheit, oder auch persönlichem Chaos, ist für jeden eine wichtige Frage. Für eine Künstlerin ist es aber existentiell, genau den richtigen Punkt zu finden, wo das „kreative Chaos“ in die „produktive Ordnung“ übergeht, denn Kunst entsteht genau an dieser Schnittstelle.

Maryam Motallebzadeh ist auch Keramikerin.
Der damalige Rektor der Hochschule für Künste, Jürgen Waller hat seit Jahrzehnten in Südfrankreich ein Atelier, zwischenzeitlich gab es auch ein Gästehaus und die Studierenden der Hochschule hatten die Möglichkeit, fast umsonst für Wochen oder gar Monate in einem kleinen Künstlerort namens Vallauris zu arbeiten. Vallauris liegt in der Nähe von Antibes und ist in den 50-er Jahren von Pablo Picasso entdeckt worden. In der Nähe gab es Ton-Vorkommen und Vallauris hat sich zu einem Ort der Keramiker entwickelt, es gibt dort inzwischen dutzende von Ateliers. Maryam Motallebzadeh hat damals die Chance genutzt und hat lange an der Côte d’ Azur gearbeitet – die Teller und Keramiken sind in den Vitrinen besichtigen Im dreidimensionalen Bereich kam später noch eine weitere Werkgruppe dazu. Am Meeresstrand findet sich immer Treibgut, Holzstücke, durch Kiesel und Salzwasser glattgeschliffen. Diese Fundstücke hat Maryam Motallebzadeh irgendwann für sich entdeckt, eben „gefunden“. Sie lässt sich von der Form dieser Fundstücke inspirieren, sucht, was „in ihnen steckt“ und holt diese Substanz in einem Prozess behutsamer Bearbeitung heraus. Dieses Verfahren hat durchaus Ähnlichkeiten mit ihren Reisebildern, auch da geht es ja darum, das Charakteristische, die „Quintessenz einer Landschaft – oder eben eines Objektes – zu erfassen und herauszuarbeiten.

Sie verfolgt mit ihren Holzarbeiten aber noch eine andere Absicht, die sie auch als Dozentin in mehreren Kursen weitergibt. Es geht ihr darum, die Teilnehmer zum Sehen anzuhalten. Genau hinschauen, sich vertiefen, nachdenken und vielleicht sich selbst finden durch den Akt der produktiven Aneignung, eben durch Kunst. Dieses genaue Hinsehen war noch nie selbstverständlich, aber in den Zeiten einer kontinuierlichen Reizüberflutung durch Internet, Handys, Smartphones ist es mehr denn je zu einer Haltung geworden, die man mühsam und konzentriert erst wieder lernen muss.

Maryam Motallebzadeh ist auch einpolitischer Geist.
„Diesseits des Schleiers“ – so der Titel dieser Ausstellung, und damit positioniert sie sich als ein Teil des anderen Irans oder genauer Persiens. Maryam Motallebzadeh ist in Deutschland nicht im Exil, sie hat noch Kontakte in die alte Heimat, ist auch immer wieder im Land, aber wie sie ihre Heimat sieht, das kann man in dem Gemälde „Persischer Garten“ studieren.

Wir sehen durch hohe Gitterstäbe in einen Garten, hohe Eisengitter, so wie sie einen alten Park umgeben, man kann aber auch an Gefängnisgitter denken. Der Park dahinter ist in die Farben Grün, Weiß und Rot getaucht, die Farben der Islamischen Republik und das rote Staatssymbol weist ganz eindeutig darauf hin. Rund um das Gemälde verläuft ein roter Rahmen, in einem dunklen, rissigen Rot, das an getrocknetes Blut denken lässt. Wenn man sich zurückerinnert an die Meldungen von 1979, an das Jahr der Revolution und die Zeit der brutalen Abrechnungen, an die finsteren Geschichten, die man heute aus den Gefängnissen hört, dann wird klar, was gemeint ist. Es gibt aber auch viel grüne, wilde Vegetation auf diesem Bild, Kletterpflanzen, die sich die Gitterstäbe emporranken, in wilden, freien, vernetzten Formen. Sie sind grün – so grün wie die Grüne Revolution, die vor zwei Jahren mutig aber vorerst erfolglos gegen das Regime angegangen ist. Träger dieser Bewegung sind junge Leute, Künstler, Intellektuelle.

Es ist ein Bild, in dem viel Bedrückendes steckt, auch viel Sehnsucht nach diesem alten herrlichen Park hinter dem hohen Gitterzaun, aber auch viel Hoffnung. Und es ist – man muss das deutlich und voller Hochachtung sagen – es ist ein sehr mutiges Bild!

In ihrer Kunst zeigt uns Maryam Motallebzadeh einen anderen Iran, ein anderes Persien, jenseits der oft bedrohlichen Meldungen in den Nachrichten, eben das Land „diesseits des Schleiers“. Als Künstlerin schlägt sie eine Brücke, und damit ist sie tatsächlich eine Botschafterin zwischen den Kulturen, eine Botschafterin zwischen Orient und Okzident.

Ralf Schneider
Pressearbeit der Hochschule für Künste Bremen