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Der Film „Bibi Shahrbanu“ von Maryam Motallebzadeh

Soweit Maryam Motallebzadeh über ihre Kunst spricht, löst sie sich nicht von den Faktoren ihrer Entstehung. Mit bewegten Gedanken reagiert sie auf die von ihr immer wieder auch schöpferisch wahrgenommenen Gegebenheiten. Sie hat in vielen Ländern gearbeitet und ihre Werke gezeigt. Es scheint, als suche sie nach einer die Kulturen übergreifenden schöpferischen Sprache: einer Sprache, deren Konventionen noch zu erschließen, deren Strukturen längst nicht vertraut sind und deren Deutungen notwendig offen bleiben.

Der in Teheran aufgenommene Film „Bibi Shahrbanu“ ist ein bemerkenswertes Beispiel des Versuchs, nicht im herkömmlichen Sinn Filmkunst zu betreiben, sondern eher künstlerisch einen Film zu gestalten. Der 15minütige Film erzählt auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Eine Frau in einem Auto beginnt, eine alte persische Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte von Bibi Shahrbanu. Als die Araber im Krieg gegen den Iran die Königstochter Bibi Shahrbanu erbeuteten, die Tochter von Yazdgerd dem Dritten, unterwirft sich diese dem jungen Imam Hussein. Sie heiraten, und er zieht mit ihr fort. Viele Jahre verbringen sie in seiner Heimat, bis Hussein in Kriegshandlungen verwickelt wird. Bibi Shahrbanu flieht in den Itran und verbirgt sich in den Bergen in einer Höhle. Dort stirbt sie. In einer kurzen Inszenierung macht Maryam Motallebzadeh das Glück zwisch Bibi Shahrbanu und Imam Hussein deutlich. Die vier in dem Auto sitzenden Frauen sprechen über das Geheimnisvolle der Geschichte. Eines Tages soll eine Karawane die Höhle aufgesucht haben. Die Tochter eines indischen Geschäftsmannes war unter den Reisenden. Als sie die Nacht in der Höhle verbringt, träumt sie von Bibi Shahrbanu. Bibi Shahrbanu spricht zu ihr und bittet sie um die Errichtung eines Grabmals. Die Inderin ist von ihrem Traum und den Worten Bibi Shahrbanus derart ergriffen, dass sie ein Grabmal im indischen Stil erbauen lässt. Noch heute versammeln sich die Leute an diesem Ort in Südteheran. Auch die vier Frauen in ihrem Auto befinden sich auf dem Weg dorthin. Auf der Karte steht: Shah Abdolazim. Der Berg, in dem sich die Höhle befindet heißt Kuh-e Ray. Aber er wird noch immer Kuh-e Bibi Shahrbanu genannt. Der Ort ist ein religiöses Ausflugsziel. Männer und Frauen reinigen sich getrennt. Dann essen sie gemeinsam, Sie verknoten Bänder vor dem Abbild von Imam Hussein oder heften Steine an die Wände der Höhle. Sie hoffen, dass ihre Wünsche erfüllt werden. Man trifft sich, lernt sich kennen, redet miteinander. Es heißt, Liebespaare verabredeten sich heimlich. Mythisches und Alltägliches verbinden sich in ebenso merkwürdiger wie vertrauter Allianz.

Prof. Dr. Reiner Matzker
Kunst und Kulturwissenschaftler