Wer ist Maryam? Wer ist Maria?

TEXTE ZUM WERK

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Zur Ausstellung (Evangelische Akademie Loccum)

‚Reich mir o Schenke das Glas, Bringe den Gästen es zu, Leicht‘ ist die Lieb‘ im Anfang, es folgen aber Schwierigkeiten.‘ Mit einem Tschador bekleidet, der die Verse des persischen Dichters Hafez trägt, lässt sich Maryam Motallebzadeh vor dem Altartisch des Bremer Doms fotografieren. Das Tuch besitzt ein reizvolles Schriftbild in ornamentalen Rhythmen und den Farben der iranischen Flagge. Es lässt aber auch den Konfliktstoff spüren, der in der Poesie selbst anklingt.

Auf der Fotografie bemalt die Künstlerin Flächen der Kirchenarchitektur. Das Muster des Mauerwerks verstärkt sie zeichenhaft, ornamental. Wörter treten auf. Allah zum Beispiel, Gott. Für die Künstlerin haben Islam und Christentum den gleichen Gott. Zugleich schwingt aber auch der imperiale Anspruch der Religion in diesem sakralen Graffiti mit. Der Glaube ist mit Machtanspruch getränkt, ließe sich hieraus lesen, Glaube ohne Liebe und Toleranz ist zerstörerisch.

Ihr Name, Maryam, ist das Pendant zu Maria. Der Raum der Bremer Kirche gewinnt ein anderes Gesicht und eine andere Atmosphäre. Es scheint, als würden die Architekturen verschiedener Kulturkreise verschmelzen. Der Gang in den Dom mit der Bekleidung der Muslima ist für die Perserin ein symbolischer Akt für die Annäherung der Religionen. Sie ist aber auch ein Verweis auf das Reibungspotential, das diese Begegnung in sich trägt.

Seit 15 Jahren lebt Maryam Motallebzadeh in Bremen. Sie studierte dort an der Hochschule für Künste. In ihrem vielschichtigen Werk – Malerei, Grafik, Installation und Film – reflektiert sie die Lebenswirklichkeit in ihrer Heimat, verarbeitet das Leben in einer neuen Kultur und schlägt Brücken zwischen beiden. Dabei stellt die Künstlerin häufig ihr eigenes Ich, ihr Empfinden und Selbstverständnis in das Zentrum ihrer Bilder und Inszenierungen.

Auch in der Kapelle hier in Loccum ist ein Foto entstanden, in dem sich die Künstlerin inszeniert. Wir sehen sie in einen Plastikumhang gehüllt, sie trägt ein Kleid mit Rosenabbildungen. Der Kunststoff steht für eine Puppe, die man nicht unbedingt mögen muss. Dass Barbie-Puppen im Iran verbrannt worden sind, lässt das Spielzeug allerdings in einem anderen Licht erscheinen. Der aggressive Akt gegen ein Produkt der westlichen Kultur dürfte vor allem den betroffenen Kindern Schmerz zugefügt haben.

Die beiden Fotografien verweisen auf zentrale Elemente im Werk von Maryam Motallebzadeh: die Bekleidung, die Architektur, die Schrift. Und sie lassen bereits den Pendelschlag erkennen, der ihren Gang zwischen den Kulturen künstlerisch zum Ausdruck bringt. Das sind Figur, Gegenstand, Sprache auf der einen Seite und da sind die freie Linie, die allein kompositorischen Gesichtspunkten verpflichtete Form, die reine Farbe. Aus diesem Spannungsverhältnis beziehen die Arbeiten ihre Energie und auch ihren sinnbildlichen Mehrwert.

Kleider besitzen eine Sprache. Sie sprechen von Traditionen, sozialen Einbindungen, von Einstellungen und Haltungen. Sie setzen Signale in der Begegnung von Menschen, sie werden, wie wir wissen, vielfach zum Politikum „Der Mantel schweigt. Das ist seine Sprache“, heißt es in einem Beitrag zu einer Ausstellung der Künstlerin. Und weiter: „Alle Mäntel schweigen. Doch sein Schwiegen ist ein besonderes Verstummen. Es ist das Schweigen der verordneten Verstummung. (…) In ihm stecken verletzende Splitter.“ Der Mantel spricht aber auch. In der Schutz suchenden oder abschirmenden Verhüllung wirkt er wie ein zu beschreibendes Blatt, bietet er uns eine Projektionsfläche.

Schrift finden wir im Werk der Wahlbremerin auf vielen Trägermaterialien: auf Wänden, Stoffen, auf dem Körper, auf Papieren, in Gemälden. Das Schreiben begleitet sie in Tage- und Skizzenbüchern: ein Protokollieren der Außenwelt und eine Selbstvergewisserung. Das Schreiben in ihren beiden Sprachen, von rechts und links, lässt sich wie ein symbolischer Akt des Aufeinander-Zugehens aus verschiedenen Richtungen sehen: Konfrontation und Annäherung zugleich, Verständnis, aber auch Missverständnis. Fehler werden mit aufgenommen, sie gehören zu einer Existenz zwischen den Kulturen und zum interkulturellen Dialog. Sie verweisen auf das Potential des Anderen, aus dem sich Neues schöpfen, aus dem sich unendlich viel lernen lässt. Sie verweisen aber auch auf die Mühe, die Verstehen und Verständnis erfordern.

Auf einem großen Tuch lässt sie die persische Schrift und deutsche Wörter aufeinandertreffen. Die deutschen Wörter treten als grüne Stoffapplikationen auf. Die Farbe ist, unschwer entzifferbar, ein politisches Symbol. Der zarte grüne Stoff ist aufgenäht. Diese Form des Zusammenschlusses ist nicht zufällig gewählt. Das Nähen ist ein fundamentaler, archaischer, handwerklicher, eine körperlicher Akt, in dem, wenn man so will, ein Linienschwung wie im Schreiben noch nachklingt. Dazu trägt das Tuch den Knoten als religiöses Element, aber auch profan als Sinnbild einer Verbindung. Beim Zuknoten werden gute Wünsche auf den Weg gebracht, beim Aufknoten geht ein Wunsch in Erfüllung.

Mal ist Schrift zart, licht und luftig aufgebracht, mal überschwemmen Buchstaben die Flächen, verletzen feines Papier, fühlen sich da wie Tattoos an, dort wie Manifeste. „Nichts, nichts“. „Ich, ich“ sind knappe, aber prägnante Botschaften und Aufschreie. Manchmal ist Schrift in die obere Malschicht hinein gekratzt, ein feuriges Rot wird aus der grünen Oberfläche herausgeschält. Farben, die im Kontrast zueinander stehen. Materialien treffen aufeinander, die eigentlich nicht zusammengehören: Öl und Wasser. Konflikt, Aggression, Wut und Verzweiflung werden so auch stofflich und physisch spürbar. Vieles spielt sich untergründig ab, was sich positiv und negativ konnotieren lässt. Nicht alles kann ergründet und nicht alles darf ausgesprochen werden. Kunst kann an Ahnungen anschließen und erhellt auch durch Verbergen oder Überlagern.

Viele der Bilder, die wir hier sehen, sind in vielen Schichten aufgebaut. Darin spiegeln sich Wege der Annäherung an Thema, Motiv und Komposition, aber auch ein Abwägen des abschließenden Ausdrucksgehaltes. Buchstaben, Zahlen, Daten werden übermalt, verschwinden in einem prägnanten Bild hinter einem naturnahen Rankenwerk, das an Efeu erinnert, oder hinter vertikalen Linien, die ein Gitter assoziieren lassen. Das malerische Dickicht lässt sich als Sinnbild für die Zeit lesen, die sich über die Ereignisse legt, für den unaufhaltsamen und nicht gänzlich zu steuernden Fluss der Dinge, für ein organisches Wachstum, aber auch für ein bewusstes Verschließen, Verschleiern oder Verschlüsseln.

Wenn Schriftzeichen wie Wolkenbänder erscheinen, wenn sie als grafische Momente zwischen Figur und Abstraktion auftreten, als Richtung weisende dynamische Elemente, als Gliederung der Fläche, dann wird gerade in diesen Arbeiten sinnfällig, warum die Kalligraphie als Wegbereiterin des freien Linienschwungs, warum die Arabeske als Vorläufer der Abstraktion gelten kann. Für ein Denken und Gestalten zwischen Polen und in Kontrapunkten, aber auch in Verknüpfungen und Netzwerken hat die Künstler ein eigenes Repertoire an Formen entwickelt, das sie vielfach variiert.

In einem Triptychon finden sich die Farben der iranischen Fahne wieder. Rot und Grün besitzen darüber hinaus noch andere symbolische Werte, die die politische Besetzung überblenden: Natur und Blut, Wachstum und Liebe, Schöpfung und Energie. Grüne Linien beschreiben hier einen welligen Verlauf, umgeben sind sie von unorganisierten Punktmengen. Darunter liegen, erst auf den zweiten Blick erkennbar, blockartige Gebilde. Fließendes, Flüchtiges und Festes begegnen sich in einer eher offenen, unbestimmten Korrespondenz. Bewegung und Fixierung treten als Pole auf. Hierin spiegelt sich das Credo und ein zentrales Thema der Künstlerin: Bewegung ist das Veränderliche, auf das wir uns immer neu einstellen müssen. Die Gegenbewegung ist das Feste, an dem wir uns orientieren können. Die Blöcke unter dem Fluss repräsentieren das Bedürfnis nach Ordnung, Übersicht und Systematisierung.

Solche Rechtecke treten auch in architekturnahen Kompositionen auf, die auf unterschiedlichste Impulse zurückgehen und verschiedenste Assoziationen wecken. Ein Fensterbild hat einen biographischen Hintergrund. Eine kleinteilige Feldform schließt an einen Blick an, der die Künstlerin ihre Kindheit hindurch begleitet hat: das Fenster im Haus der Großmutter, en prägendes visuelles Erlebnis. Ein schönes Beispiel für die Rolle der Fenster als Augen eines Hauses, das auch eine emotionale Heimat darstellt. Zugleich lassen sich mit der Gitterstruktur aber auch weniger freundliche Gebäude assoziieren. Dass diese Bilder aber auch als freie Farbfeldmalerei gelesen werden können, spricht für die Künstlerin.

Dass manche Bilder durch Teppiche von Nomaden angeregt worden sind, muss man nicht wissen, um sie mit Gewinn und Genuss zu betrachten, ihre abstrahierte Naturmotivik oder archaische Geometrie, ihre Anmutung natürlicher Stofflichkeit, die an die ursprüngliche Gewinnung von Farbe und Material anschließt. Mit diesem Wissen allerdings werden sie zu Belegen einer fruchtbaren Aneignung. Für eine solche Rezeption aus der Annäherung und Auseinandersetzung heraus, aus dem Leben in und zwischen zwei Kulturen, steht das Werk von Maryam Motallebzadeh. In ihm verbindet sich ein kritischer interkultureller Austausch und ein Dialog der Kunstsprachen auf inspirierte und anregende Weise. Besonders spannend für mich, wie sich darin das Verhältnis von Figur und Abstraktion, von Schrift und Linie in ihren unterschiedlichen Zeichengehalten spiegelt.

Dr. Reiner Bessling
Kunsthistoriker