Nähe und Annäherungen

TEXTE ZUM WERK

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Februar 2012

Mit einem Tschador bekleidet, lässt sich Maryam Motallebzadeh vor dem Altartisch des Bremer Doms fotografieren. Das Tuch ist mit Versen des persischen Dichters Hafiz beschrieben. Darin geht es um die Hoffnung am Anfang der Liebe und die Lasten in ihrem Verlauf. Ein schöner Klang im Original, ein schönes Schriftbild in ornamentalen Rhythmen und den Farben der iranischen Flagge.

Auf der Fotografie hat die Künstlerin Flächen der Kirchenarchitektur bemalt, das Muster des Mauerwerks zeichenhaft verstärkt, Wörter hinzugefügt. Allah zum Beispiel, Gott. Für sie haben Islam und Christentum den selben Gott. Ihr Name, Maryam, ist das Pendant zu Maria. Der Gang in die Kirche mit der Bekleidung der Muslima ist für die Perserin ein symbolischer Akt für die Annäherung der Religionen.

Seit 13 Jahren lebt Maryam Motallebzadeh in Bremen. Sie studierte dort an der Hochschule für Künste. In ihrem vielschichtigen Werk – Malerei, Grafik, Installation und Film – reflektiert sie die Lebenswirklichkeit in ihrer Heimat und schlägt Brücken zwischen den Kulturen. Im Sinne Goethes, der den Austausch zwischen Orient und Okzident als Befruchtung für beide Kulturkreise verstand, begegnen sich in ihren Werken die beiden Welten. Dabei stellt sie häufig ihr eigenes Ich, ihr Empfinden und Selbstverständnis in das Zentrum ihrer Bilder und Inszenierungen.

Warum die Arabeske als Vorläufer der Abstraktion, die Kalligraphie als Wegbereiterin des freien Linienschwungs gilt, dokumentieren ihre Arbeiten auf höchst sinnfällig Weise. Zugleich hat Maryam Motallebzadeh eine eigene Bildsprache mit sinnbildlichen Formen ausgebildet, die existenzielle und kompositorische Grundfragen zugleich reflektieren. Blockartige Formen zeigen sich als Lebensstationen und Ordnungselemente, korrespondieren reibungsvoll mit Linien und Punkten und deuten so auf Wechselfälle von Daseinsherausforderungen und Orientierungsversuche hin. Dabei erinnern sie an Architekturen, an konkrete und mentale Behausungen.

Die Farben besitzen symbolische Bedeutungen, lassen politische Bewegungen und Ereignisse assoziieren, schließen zugleich aber an Naturerscheinungen an und besitzen eine hohe eigenständig malerische Qualität. Häufig trägt die Künstlerin das Material in vielen Schichten auf, lässt Untergründiges, Verdecktes, Verborgenes durchscheinen oder kratzt und schabt in die Oberfläche hin, ein Akt, der das Unruhepotenzial in ihrer Kunst verdeutlicht. Sie näht deutsche Wörter auf ein Tuch mit persischer Schrift. Im Treffpunkt beider Sprachen hat sie ihre geistige Heimat gefunden. Geknotete Bänder verweisen auf die Hoffnungen und utopischen Anteile in ihrer Kunst: auf die Verbindung der Kulturkreise, zwischen denen sie sich bewegt, auf die Glückserfüllung in der wechselseitigen friedvollen Bereicherung.

Dr. Reiner Bessling
Kunsthistoriker