LANDSCHAFTEN

TEXTE ZUM WERK

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WOLGA

Machen wir uns jetzt auf die Reise an so unterschiedliche Orte wie ein im Frühling erblühtes Marokko und ein sonnenverbranntes Namibia, in das relativ naturnahe Geflecht der Spreearme und auf den mächtigen gestauten Strom der Wolga.

Wie klein der Mensch auf diesem weiten Fluss ist, thematisiert das Bild Erinnerung an die Wolga. Die schlichte Größe und Behäbigkeit des größten Flusses Europas provozierte ruhige und in der Wirkung monumentale Bilder von unergründlicher Tiefe.

Die waagerechte Spur des Pinsels, die wie die Spur eines Schiffes im Wasser im Blau des Bildes liegt, hat die Mitte noch nicht ganz erreicht und scheint mit den herunterlaufenden
Tropfen an Fahrt zu verlieren: damit ist auch die dem Temperament von Maryam Motallebzadeh widersprechende Langsamkeit gemeint, mit der sich das Schiff ihrer Reise dem trägen Fließen des Stromes anpasste.

In dem Bild mit dem Titel Der goldene Ring ist die Wolga in Moskau angekommen: „Goldener Ring“ heißt der Teil des Flusses, der sich um die Stadt legt. Hier hat die Wolga des Bildes feinere Strukturen und sehr differenzierte Grün–Blau–Töne, monumental wirkt sie dennoch durch das über die Bildgrenzen hinausweisende waagerechte Strömen der Farben und Formen.

SPREE

Wie anders sind dagegen die „Spreebilder“: in das Über- und Ineinander mehrerer Malschichten flossen gleichsam die pflanzlichen Strukturen hinein, die sich unter dem Wasserspiegel andeuten und auf dem Wasser schwimmen und die Spiegelungen von Uferpflanzen. Die Farben reflektieren das Grün, den Schlamm, den Nebel und das Dunkel der Baumschatten. Bei genauem Hinsehen fällt auf, dass eine fein verästelte Struktur von Fließspuren fast jedem dieser Bilder unterlegt ist. Diese Grundierung hat für Maryam Motallebzadeh eine symbolische Bedeutung: die Tropfen verdünnter Farbe, die kontrolliert (sie nennt es „den Tropfen einen Weg zeigen“) über die ganze Bildfläche fließen, erinnern mit ihrem Verlauf, durch die Farbe Blau und schließlich mit der Assoziation des Begriffs „Wasseradern“ an das Bild von Venen unter der Haut: so überschneiden sich metaphorisch die Leben spendenden Netze von Wasser und Blut, die für Maryam Motallebzadeh auch Symbole für soziale Vernetzungen sind, die sie sich als vitale Verbindungen zwischen den Kulturen wünscht.

In dieser Weise verdichtet sich die landschaftliche Impression unter dem besonderen Blickwinkel der Künstlerin zu ihrer „Kulturlandschaft“. Auch Naturerfahrung ist kulturell geprägt und so entsteht in jedem Landschaftsbild – unabhängig vom Motiv – eine Art „Kulturlandschaft“, worin die Künstlerin schließlich mit sich selbst konfrontiert ist. In diesem Sinne ist für Maryam Motallebzadeh die Reise, das Fahren durch die Landschaft, wie für jeden der reflektiert unterwegs ist, nicht nur ein „Erfahren“ neuer Eindrücke, sondern auch, im Abgleich mit dem Fremden, eine Reise zum eigenen Ich, ein Weg der Selbsterfahrung.

NAMIBIA

Die nächste Station ist Namibia, dessen Name sich von der Wüste Namib, der erdgeschichtlich ältesten Wüste der Welt ableitet und als Name gewählt wurde, um die vielen verschiedenen Kulturen der Republik Namibia unter einem für alle akzeptablen Namen zu vereinen.

Namibia ist ein trockenes Land: Von seinen vielen Flüssen führen nur zwei ganzjährig Wasser, womit das Bild des ausgetrockneten Flussbettes ein typischer Aspekt der Landschaft ist, den Maryam Motallebzadeh in ihrem Bild Schmerzen der Erde in Namibia in einen wüstenfarbenen Erdhaufen übersetzte, dessen Farbe mit Sand, etwas Zement und reichlich Pigmenten so angereichert wurde, dass bei der Trocknung Erosionsstrukturen entstanden. Den kahlen Berg überspannt ein gelbliches Weiß, das zu verdampfen scheint. Das war ein „schmerzhafter Ort, an dem wütende Pflanzen wachsen“ sagt Maryam Motallebzadeh. Solche Impressionen verwundern bei einem Land der Wüsten nicht und werden durch den Gedanken an die grausame Kolonialgeschichte (Genozid der Deutschen an den Herero) forciert. Und als wolle Maryam Motallebzadeh die Schmerzen des Landes mildern, arbeitete sie eine symbolisch gemeinte Mullbinde in den oberen Rand des Bildes ein.

In einer weiteren Namibia-Landschaft, Namibia trifft auf den Atlantik, schaut Maryam Motallebzadeh wie aus einem Flugzeug auf eine der extremsten Regionen Namibias, die sich über die ganze Länge des Landes erstreckt, das mehr als doppelt so groß ist wie Deutschland. Hier trifft die heiße Landmasse der Namib Wüste auf die Kälte des Atlantischen Ozeans: die Malerei übersetzt dieses geographische Extrem in den Kalt–Warm–Kontrast der Farben Ocker und Blau.

MAROKKO

Obwohl auch Marokko ein Wüstenland ist, erlebte Maryam Motallebzadeh dieses Land wie einen Garten: mit Mohnblumenfeldern, mit einer heiteren Farbpalette auf der leuchtender Ocker zwischen Gelb und Orange und ein ebenso leuchtendes Blau vorherrschen. Wie bei den Wasserlandschaften wählte sie auch hier jeweils einen engen Ausschnitt: das Segment eines Blumenfeldes oder die Wand eines Hauses, das man als solches nur an den Farben und den typischen kleinen Wandöffnungen erkennt. Wenn man in dem Bild Tuareg in Marrakech die Farbfläche als Haus erkannt hat, gelingt es auch in dem breiten blauen Pinselstrich vor der Wand einen Tuareg in seiner üblichen Landestracht zu sehen. Details der Hassan-II-Moschee in Casablanca und Elemente der Berberschrift Tifinagh, die als geometrische Zeichen künstlerisch besonders reizvoll sind, sind weitere Motive Marokkos, die Maryam Motallebzadeh zu eigenen Abstraktionen inspirierten.

REDUKTION

Maryam Motallebzadeh zeigt weniger Bilder einer Landschaft, als sie Landschaften durch Nahsicht und Konzentration auf wesentliche Details suggeriert. So wie das tiefe ruhige Blau den großen Strom, die Spiegelungen von Pflanzen das naturnahe Gewässer, der Erdhaufen die Vorstellung von Wüste hervorrufen, so genügen bestimmte Farben um Erinnerungen an Bilder Nordafrikas zu wecken. Was natürlich nur funktioniert, weil uns in einer mit konkreten Bildern übersättigten Welt fast nichts mehr fremd ist. Unter anderem aus diesem Grund kann die Malerei gar nicht anders vorgehen, als in der beschriebenen Weise Naturbilder zu Essenzen zu „verdichten“: um den vielen verschiedenen Bildern in den Köpfen zu entsprechen und etwas entgegenzusetzen. Gerade die auf Abstraktionen reduzierte Malerei kann mit wenigen erkennbaren Elementen die Vorstellungskraft des Betrachters herausfordern zu einem aktiven, mitgestaltenden Sehen. Wir brauchen diese Anregungen um visuell sensibel zu bleiben.

ZEIT

Maryam Motallebzadeh versteht die Reduktion auf Segmente von Landschaften nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich, denn die Betrachtung einer Landschaft ist ein Prozess, eine Reise ist eine Zeit der fließenden neuen Bilder. Nimmt man ein Segment aus dem Fluss der Bilder heraus, dann fixiert man gleichzeitig – wie mit dem Standbild eines Films – einen Moment, dessen Länge proportional scheint zur Größe des Ausschnitts: also je näher der Blick auf ein Detail der Landschaft ist, umso kürzer scheint der Moment. Mit den engen Ausschnitten aus dem Bilderfluss der Landschaftserlebnisse verweisen diese Reisebilder also auch auf das Verrinnen der Zeit. Das Traurige an einer Reise ist ja, dass sie so schnell vergeht und dadurch jedesmal an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert.

Regina Gramse
(Kunsthistorikerin)