BLÖCKE

TEXTE ZUM WERK

zurück zur Übersicht

Diese spannungsvollen Farbfelder stehen in Zusammenhang mit dem Motiv der „Blöcke“, der Rechtecke, dem Maryam Motallebzadeh eine ganze Serie widmete und auf das sie immer wieder zurückkommt wie auf ein noch ungelöstes Problem.

Anders als die Spirale, die in ihrer perfekten Form von einem Reißbrett zu stammen scheint, aber auch ein konstruktiv perfektes Produkt der organischen Natur ist, kommt das exakte Viereck in der Natur nicht vor – es steht ihr im Widerspruch. In allen höheren Zivilisationen ist das Viereck die alles dominierende Form – auch in den Bildformaten der freien Kunst. Das Viereck ist der Inbegriff von Stabilität, Strukturierung und Ordnung. Diese Phänomene sind äußerst widersprüchlich, denn Ordnungen können einerseits Orientierungshilfen sein, andererseits Gefängnisse der Normierung. Dieser Konflikt und seine Überwindung lässt sich mit einem historischen Beispiel der Begegnung von Wissenschaft und Kunst beschreiben:

Am Ende des 18.Jh. wurden im Rahmen meteorologischer Studien die Wolkenformen von Luke Howard mit den bis heute gültigen Begriffen beschrieben: Stratus, Kumulus, Cirrus, Nimbus, und diese Klassifizierung wurde von Goethe so begeistert aufgenommen, dass er Caspar David Friedrich bat, ihm davon ein Bild zu malen. Während Friedrich sich weigerte, die so wunderbar freien Wolken in eine Ordnung zu zwingen, schrieb Goethe das Gedicht Howards Ehrengedächtnis, worin es ihm gelang den Gegensatz von Ordnung und Freiheit durch Poesie zu überwinden, als er alle Wolkenformen in nur einer Zeile des Gedichts zusammenfasste ohne sie zu benennen: Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt.

In ähnlicher Umformung des Konkreten in die Poesie der abstrakten Formen und Farben schafft Maryam Motallebzadeh in jedem ihrer Bilder, mit einem oder mehreren Blöcken, einen Ausgleich zwischen Ordnung und Freiheit: indem sie Kompositionen von unregelmäßigen, unscharf konturierten Rechtecken und Quadraten in mehr oder weniger regelmäßiger Reihung und in lebhaften Farben mit frei fließenden Verlaufsspuren in das genormte Format der Bildfläche setzt: innerhalb dieses Rahmens wird seine Auflösung diskutiert, ohne dass die Bildgrenzen überschritten werden. In diesem Sinne ist in dem Bild Der gelbe Block der Konflikt von Freiheit und Norm als Spannung zwischen einem lebhaft strukturierten Farbraum und dem am Bildrand sich trotzig behauptenden, grell gelben Block auf die Spitze getrieben.

In solchen Abstraktionen ist der Konflikt zwischen Freiheit und Gesetz grundsätzlich formuliert: Hier geht es nicht mehr – wie bei den Wolken – um den Widerspruch von Natur und Ordnung, sondern um den zur Zeit von Goethe und CDF zum ersten Mal allgemein bewussten Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, der nicht nur bis heute, sondern heute erstrecht ungelöst ist, wo alle Wertesysteme brüchig sind und die Globalisierung kulturelle Identitäten gefährdet. Vor diesem Hintergrund ist die Frage des Verhältnisses von Individuum und Gesetz, von Chaos und Struktur für Maryam Motallebzadeh ein Leitthema, das sie malerisch kommuniziert, nicht nur, weil es sie bewegt, sondern weil es alle angeht.