FREMDSEIN UND SPRACHE

TEXTE ZUM WERK

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Der Titel VERREIST unter dem die im Folgenden beschriebene Werkgruppe 2010 ausgestellt wurde, lässt Bilder touristisch bereister Länder erwarten. In der Fremde lebend ist man aber auch verreist, dauerhaft verreist. So beinhaltet der Titel VERREIST grundsätzliche Erfahrungen mit fremden Kulturen, die die Künstlerin für die drängenden Probleme sensibilisierten, die sich zwangsläufig aus den Migrationsbewegungen und der Globalisierung ergeben. Resultieren diese Probleme, mit denen uns die Medien täglich konfrontieren, aus möglicherweise gar nicht überwindbaren kulturellen Differenzen oder sind sie nur eine Folge der Unfähigkeit vernünftig miteinander zu reden? Diese Fragen nach interkultureller Identität und Kommunikation wurden zu einem Leitmotiv der künstlerischen Arbeit von Maryam Motallebzadeh: seitdem untersucht sie das Leben zwischen zwei und mehr Kulturen, geht davon aus, dass die Fremdheit der Kulturen vor allem ein Problem der interkulturellen Sprachlosigkeit ist und sie untersucht in verschiedenen Medien: Zeichnung, Malerei, Performance und Film, Möglichkeiten der Überwindung von Fremdheit.

So arbeitet Maryam Motallebzadeh an der Auflösung des Normativen und Ausgrenzenden der Schrift, indem sie Farsi in ihren Bildern als das einsetzt, was die persischen Schriftzeichen für alle sind, die die Sprache nicht lesen können: nicht Botschaften, sondern reine, reitvolle Formen, deren Grundelemente – wie im Arabischen – die geschwungene Linie und der Punkt sind. Die Malerei gibt der fremden Schrift mit verschiedenen Strategien einen Sinn: So kann der Betrachter in dem Bild mit den Zeichen, die unter einem kräftigen, einem zornigen Rot durcheinander wirbeln, leicht auf das Motiv einer gescheiterten Kommunikation schließen.

In den Bildern mit Farbfeldern von kräftigem Rot und Grün treffen die beiden Komplementärfarben unvermittelt aufeinander und gehorchen den Farbgesetzen indem sie sich gegenseitig steigern. Dass zwei Komplementärfarben sich aber auch gegenseitig vernichten können, deutet sich dort an, wo Rot und Grün sich überlagern: in der Mischung würden sie in einem schmutzigen Braungrau untergehen. Der farbliche Widerspruch von Steigerung und Vernichtung, wird zu einem Gleichnis für alle denkbaren Spannungen und Konflikte.