“Ausstellung Ozeane“ im Deutschen Schifffahrtsmuseum

TEXTE ZUM WERK

zurück zur Übersicht

Sehr verehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit, und ich danke den Veranstaltenden dafür, dass ich anlässlich dieser Ausstellungseröffnung zur Laudatio aufgefordert worden bin.

Eine Laudatio ist eine Lobrede bzw. eine feierliche Würdigung. Und sie ist in diesem besonderen Fall der Künstlerin Maryam Motallebzadeh gewidmet, die mir in vielen Gesprächen ihre Werke erklärt hat. Auch dafür danke ich.

Man kann viel sagen, man kann zu viel sagen. Ich will nur einiges, mir Wichtiges sagen. „Hier und da“ (inja va anja) heißt einer der Titel ihrer Installationen. Das ist ganz allgemein eine Bestimmung unseres Lebens, auch eine zwischenmenschliche. Es gibt ein dort, einen anderen Ort oder ein anderes Subjekt. Und zwischen dem Hier und manchem Dort mag es oftmals eine sehnsüchtige Spannung geben, für die, die sich aus welchen Gründen auch immer wünschen, lieber hier als dort oder lieber dort als hier zu sein.

Hier zumindest befinden wir uns in einem wundervollen Gebäude des weltweit bekannten und 1893 in Bremen geborenen Architekten und Stadtplaners Hans Scharoun. Er absolvierte sein Abitur 1912 in Bremerhaven. Zur Planung des Schifffahrtsmuseums schrieb er 1970 in der Zeitschrift „Bauwelt“:

„Die Kraft des Intuitiven begleitet mich seit früher Jugend bei meiner Arbeit am Gestaltwerk. So ist es mir eine besondere Freude, das Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven planen zu dürfen – am Ursprungsort eben jener gestalterischen Absichten, die mich ein Leben lang bewegt haben.“ Im gleichen Jahr sagte er anlässlich der Verleihung des Erasmus-Preises: „So ist es heute unser Wunsch, daß es zu keiner zu frühen Erstarrung der lebenskräftigen Bewegung, der lebendigen Wandlung kommen möge (…).“

Intuition und der Gedanke der Wandlung prägen auch das Werk von Maryam Motallebzadeh. Sie ist weniger, wie häufig erwähnt wird, eine interkulturelle Künstlerin, und sie ist auch in diesem Sinn keine Grenzgängerin zwischen den Kulturen. Das sind unzulängliche Beschreibungen. Ähnlich wie Hans Scharoun ist sie auf ihrem Gebiet eine mittlerweile international anerkannte Künstlerin, eine Künstlerin, die sich weniger an ihrer Herkunft denn an der allgemeinen Kunstgeschichte, ihrer Intuition und Intention orientiert.

Das zeigt deutlich ihre Biographie. Bereits im frühen Alter von dreizehn Jahren gewann sie einen Kunstpreis für Malerei im Iran. Diese Auszeichnung hat schon sehr früh ihren Lebensweg beeinflusst. In Teheran gründete und leitete sie in den Folgejahren eine Galerie für Kunst und Design. Sie war dort Teilnehmerin der „Biennale für Malerei“ des Museums für zeitgenössische Kunst. Nach ihrer Übersiedlung 1999 folgten zahlreiche Ausstellungen in norddeutschen Städten, aber recht bald auch auf internationaler Ebene, in Norwegen, Kanada, Thailand, in Österreich, in der Schweiz, in Frankreich, Spanien und demnächst in China.

Der Titel der zwischen den Exponaten des Schifffahrtsmuseums arrangierten Ausstellung lautet „Ogyanos“. Das ist das persische Wort für Ozean. Der Ozean ist gewiss ein Wirtschafts- und Kulturraum. Er ist aber überdies auch eine gewichtige Metapher für das menschliche Gefühls- und Seelenleben. „Ozeanische Gefühle“ nennt Maryam Motallebzadeh einige ihrer Werke. In einem Brief an Sigmund Freud spricht der Schriftsteller Romain Rolland von einem „Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam ‚Ozeanischem’“. In diesem Gefühl eine Quelle der Inspiration zu vermuten liegt nahe. Es ist aber auch, wie Freud interpretiert, ein Gefühl der „unauflösbaren Verbundenheit“ mit dem Ganzen.

Die kunstgeschichtliche Herkunft der Arbeiten von Maryam Motallebzadeh ist zum Teil die monochrome Malerei, das Informel, der Tachismus. Unverkennbar hat sie jedoch auch Möglichkeiten der Photographie, des Films und der Raumgestaltung (des Environments) in ihr Werk einbezogen. Wiederkehrendes Moment ist die Schrift, mit der sie ebenso bezaubernd wie verzaubernd das Geheimnis der Differenz zwischen dem Hier und dem Dort bewegt – niemals gelöst und doch lösend.

Maryam Motallebzadeh bereichert das Kunstgeschehen unserer Zeit. In einem Gespräch äußerte sie sich zu ihrer Naturverbundenheit und begriff die Künstlertätigkeit als eine Form der Berufung, fernab von sporadischen künstlerischen Eingebungen und Beschäftigungen. Diese Auffassung mag den Begriff der Kunst und seine Allianz mit einem Lebenswerk in recht eindeutiger Weise erhellen.

Sie, verehrte Damen und Herren, werden ihren eigenen Wahrnehmungen folgen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Reiner Matzker
(Kulturwissenschaftler)